Angst

November 2001
Der dunkelhaarige Mann steigt in den vollbesetzten Bus Nr. 109. Er trägt eine seltsam ausgebeulte Jacke und hält mit seinen Händen etwas darunter befindliches fest. Sein überdimensionaler Vollbart scheint seit Jahren nicht gestutzt worden zu sein. Um den Hals trägt er diverse Schlüsselbänder mit eingewebter Schrift: IRAN, PALÄSTINA, ARABIA, SYRIEN, LIBYEN, TÜRKEI. Er wirkt fahrig, schaut sich verstohlen immer wieder nach allen Seiten um.

Die anderen Fahrgäste werden nervös, die Gespräche verstummen. Sie tauschen verunsicherte Blicke aus und rascheln mit ihren Zeitungen, in denen vor der Terrorgefahr in Deutschland gewarnt wird.

Der Mann torkelt bedenklich. Da er die Arme um seinen Körper geschlungen hält, kann er sich nirgendwo festhalten.
Eine Vollbremsung wirft ihn fast um. Er prallt gegen eine junge Frau, die sich mit einem leisen Aufschrei in den hinteren Teil des Busses flüchtet.
In der entstandenen Stille bekommen die Laute, die der Mann plötzlich von sich gibt, eine ganz andere Dimension. Sie schwellen an, erfüllen das ganze Fahrzeug. Fast singend scheint er etwas zu rezitieren. Das einzig verständliche und sich immer wieder wiederholende Wort: Allah. Allah. Allah.

Nun kennen die Menschen im Bus kein Halten mehr. Jeder versucht, so unauffällig wie möglich in Türnähe zu gelangen, um bei der nächsten Station auszusteigen.

Der Mann beginnt zu Lachen. Er lacht aus vollster Kehle. Dunkel und wild. Die Menschen in seiner Nähe weichen zurück.

Eine alte Dame ruft nach vorne zum Busfahrer: „Halten Sie sofort an! Schnell! Wir wollen aussteigen!“
Der Mann guckt sie interessiert an. Dann sagt er: „Hass du Angss vor mir? Du muss nicht haben.“
Die Dame nimmt all ihren Mut zusammen: „Und was ist das da unter ihrer Jacke?“
Er guckt an sich herunter und beginnt wild zu kichern. Umständlich, damit nichts herunterfällt, holt er den Inhalt seiner Jacke hervor. In der einen Hand hält er eine halb volle Flasche ‚Kleiner Feigling‘, in der anderen eine mit Apfelkorn. „Fahr ssu mein Freund. Bisschen trinke, weiss du? Feigling schmeckt gut. Wills du?“

Die Spannung, die eben noch den Bus erfüllte, ist mit einem Schlag einer Erleichterung gewichen, wie sie nur Menschen haben können, die meinen, knapp dem Tod entronnen zu sein. Fremde lachen sich an, lassen sich wieder auf die Bänke plumpsen, Zeitungen werden wieder aufgeschlagen.

Bei der nächsten Station steigt der Mann aus. In der Tür dreht er sich noch einmal um, bleibt stehen und winkt. Geschlossen rufen die anderen Fahrgäste: „Tschühüss!“

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15 Antworten zu Angst

  1. inmypocketandmylife sagt:

    Du schreibst wirklich sehr gut!
    Schreibst Du Bücher?

    Zu deinem Erlebnis:
    Wenn ich ehrlich bin, hätte ich genauso reagiert wie viele Menschen die mit im Bus saßen, jedoch muss ich dazu sagen, dass es für mich gleich gewesen wäre, ob der nun „anderer“ Abstammung gewesen wäre oder nun Deutscher.. Es gibt schließlich auch mehr als nur wenige Fälle, bei denen dasselbe mit deutschen Erwachsenen und Jugendlichen passiert..

    Ich finds echt komisch..
    Wir Menschen laufen uns Tag täglich über den Weg und jeder lebt sein eigenes Leben (.. noch dazu kommt es nicht oft vor, das wir uns grüßen, obwohl wir uns gegenseitig nicht kennen) doch in solchen Situationen verhalten wir uns alle gleich..
    Schade, eigentlich..

    Vielen Dank für den interessanten Blog 🙂
    Grüße.

  2. Felix Nagel sagt:

    Mich erinnert das an den muslimischen Kommilitonen den ich damals in meinen Kursen hatte und der einiges aushalten musste — aufgrund seines Aussehens. Meine engeren Freunde haben uns mal in der Mensa zu ihm gesetzt. Er erzählte uns auch von dem Hass den er jeden Tag grundlos ertragen musste.

    BKA, Verfassungschutz und Presse müssen stolz auf sich sein. Panikmache erfolgreich, Auftrag erfüllt. Denkt mal über euer Selbstverständnis nach.

  3. Christian sagt:

    Ich wüßte nicht wie ich reagiert hätte in der Situation. Aber das ist mal mehr als genial in eine Geschichte gepackt.

  4. Markus sagt:

    Und wie oft ertappt man sich mit dem Gedanken beim beobachten von Menschen, die auch nur arabisch aussehen, ob man ggf. mit einem Anschlag rechnen darf? Schöne (krasse) Geschichte!

  5. Danke Victoria für diese beeindruckende Lektion!

    „Es sind die vorgefaßten Meinungen, die es den Völkern so schwer machen, einander zu verstehen, und die es ihnen so leicht machen, einander zu verachten.”
    *Romain Rolland

  6. Jasmin sagt:

    Schön formuliert Dein Erlebnis, auch wenn es doch etwas erschreckend ist. Jedoch beschreibt es einfach die Stimmt direkt nach 9/11, die vermutlich in jeder Großstadt / Weltstadt war. Ich kann mich noch sehr gut erinnern wie die Zufahrt / Straße bei der US Botschaft an der Alster abgesperrt wurde und nun auf einmal gepanzerte Fahrzeuge mitten in der Stadt standen.

    Irgendwie war es sehr bedrückend …

    Wünsche Dir / Euch noch eine feine Woche Victoria und Gruß von Jasmin

  7. Peter Jakobs sagt:

    erstaunliches Erlebnis, daß in erster Linie zeigt, wie neurotisch wir als Gesellschaft geworden sind, wie sehr wir hinter allem eine Gefahr sehen.

    pj

  8. scaramut sagt:

    Hmm… Sehr schweres und doch sehr bezeichnendes Thema und eine wirklich sehr eingehende Wahrheit dahinter. Wie hätte wohl ich reagiert in diesem Moment? Wäre ich ebenfalls auf die Türen zugegangen, hätte ich mich nicht mit Angst erfüllen lassen?! Ich habe mehrere Moslems in meinem Bekannten und auch Freundeskreis, bei welchen genau diese Ängste zu spüren sind, dennoch nicht in der Position der Fahrgäste, sondern des missverstandenen Menschen mit einer ethnischen Abstammung, welche gerade in den Medien mehr als täglich im Brennpunkt steht. Und leider spiegelt sie auch Wahrheiten in ihr wieder, nur meist nicht die Ganze!

    Ich versuche den Mitmenschen immer mit Respekt zu begegnen, mich offen und loyal zu verhalten und es hilft mir.
    Ich hoffe sehr, dass diese befreite Art mir nie durch extremistischer Gewalt, egal aus welcher Hand, genommen wird.
    Wir sollten vor allem eines tun, jeden Menschen den wir vor uns haben nicht in eine Art Schublade pressen zu wollen.

    Für mehr Weitsicht in dieser Welt!

  9. Hast Du gut geschrieben…! Man fühlt sich, als wäre man dabei gewesen. Eine Situation, wie sie so oft hier tagtäglich einfach so passiert. Und man muss ehrlich sich selbst gegenüber sein. (Fast) jeder hätte die gleichen Ängste durchgemacht und hätte sich anschließend über sich selbst und seine Vorurteile geärgert. Schade, dass es überhaupt so weit kommen muss in unserem Land.
    Freu mich auf weitere Blogs von Dir!

    • Victoria sagt:
      Verfasser

      Ja. Diese Geschichte habe ich genauso erlebt. Es war entsetzlich, weil von einer Sekunde zur anderen so viel Angst spürbar war. Schön war allerdings die ‚Auflösung‘: “Gott sei Dank. Der trinkt, dann kann er kein fanatischer Moslem sein.”

  10. Abdu sagt:

    Vor etwa fünf Jahren haben mein Großvater und ich so etwas ähnliches gemacht. Das war lustig. Für uns. 🙂

  11. Mir ist mal was ähnliches in Jerusalem passiert, mit einem finster-leidend blickenden Herrn im Bus, da war ich auch etwas nervös… Der betreffende Mann hat aber vielleicht auch nur Magenschmerzen..

  12. Aruoka sagt:

    Gut geschrieben. (:
    Obwohl ich wohl nicht mit Angst reagiert hätte.
    Aber ne Gute Geschichte, führt mal wieder die Oberflächlichkeit der Menschen vors Auge. ^^
    Regards,
    Aruoka

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  1. […] Einen besonders schönen Blogeintrag, der zeigt wie die Medien mit unseren Ängsten spielen und bei uns Feindbilder erzeugen, habe ich vor einiger Zeit im Blog von Victoria (https://victoriahamburg.wordpress.com) entdeckt. Schauplatz: Ein Bus der Linie 109. Darsteller: Ein potenzieller Terrorist und die Menschen in diesem Bus. Absolut lesenswert! Veröffentlicht in Emotionen, Linktipps, Unerwartetes | Schlagworte: Linie 109, Medien, Terrorist, Victoria « 27jähriger in Hamburg-Winterhude von U-Bahn überrollt […]