Eine Liebeserklärung

Liebe Freunde und Follower.
Ich muss euch eine Mitteilung machen und hoffe, ihr habt dafür Verständnis. Ich werde meinen Twitteraccount löschen. Jetzt. Sofort. Und natürlich für alle Ewigkeit.

Wie oft habe ich das in den letzten 12 Monaten schon gelesen? Gefühlte 1000 Mal.
Die Gründe sind immer gleich. Enttäuschte Erwartungen, angeprangerte Oberflächlichkeit,
zu geringer Nutzen.

Ich muss gestehen, das ein oder andere Mal habe ich mich auch schon mit dem Gedanken getragen, mein Profil zu löschen. Aber mein gesunder Menschenverstand bewahrte mich letztendlich immer davor.
Denn, realistisch gesehen, ist Twitter eine geniale Sache:
Stammkneipe, Informationsplattform, Kontaktbörse, politisch relevantes Tool, unterhaltsame Lektüre, Präsentationsmöglichkeit für Autoren, Poeten und solche, die es werden wollen.

Auf den Punkt gebracht: Ich liebe Twitter.
Es gibt mir die Möglichkeit, andere Menschen zu „treffen“, ohne das Haus verlassen zu müssen.
Ich brauche keinen Babysitter, um an meinem Stammtisch zu sitzen. Ich muss mich nur einloggen
und ZACK sind alle da. Wir gucken gemeinsam Trash-TV, wir diskutieren politische Themen aus,
wir flirten, streiten, sind albern.
Aber – und das empfinde ich als extrem erstaunlich – helfen uns auch in schwierigen Situationen.
Bauen Freundschaften auf, die über das Internet hinausgehen, tauschen Erfahrungen aus etc.
Da ist zum Beispiel sturmhoehe25, die mir tröstende Mails schrieb, ohne mich jemals persönlich gesprochen zu haben, aber genau auf den Punkt kam.
Oder textzicke, die mir in Notfällen per telefonischer Ferndiagnose das passende homöopathische Mittel „verschreibt“.
Oder Frau_Elise, mit der ich Hunderte alberner Replies austauschte und die mich bei unserem ersten RL-Treffen umhaute (im übertragenen Sinne), weil sie genau so war, wie ich sie mir erhofft hatte.
Oder KleinesScheusal, die ich niemals kennengelernt hätte, obwohl wir uns so viel zu sagen haben!
Nicht zu vergessen Lana74, die mir, ohne mich zu kennen, während der kompletten Republica ihr Sofa zum Übernachten anbot. Und die ich seitdem schon so oft besuchte, dass es mir fast peinlich ist.
Es gibt unzählige Menschen, die ich hier erwähnen müsste, ich belasse es jetzt bei Obigen, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Seit dem Frühjahr habe ich bei Jour Fitzen in Hamburg und Berlin, einer stijlroyal-Party in Wiesbaden, der manomama-Eröffnungsfeier in Augsburg, der Republica in Berlin, der Frauenfuss-Vernissage in Hamburg und diversen kleineren Tweet Ups ca. 200 Twitterer im RL getroffen.
Begegnungen, die manchmal erstaunten, oft positiv überraschten, mal … eher nicht so …, aber zumindest immer interessant waren.
Es hat etwas ungemein Lustiges, wenn die vermeintliche Sexbombe, die in ihren Tweets von luftigen Kleidchen und Highheels schreibt, sich als behaarte 150 Kilogramm-Frau entpuppt, der Frauenschwarm ein blasses Bübchen ohne Bartwuchs und der Social Media-Experte ein wirrer, jugendlicher Nerd mit 150 Followern ist.
Unbezahlbar auch die Klassenfahrt-Atmosphäre während der Republica. Ja, natürlich gab es Vorträge, ja, wir haben wahnsinnig wichtige Vernetzungen betrieben. Aber letztendlich waren die abendlichen Parties und das Rumstehen mit den Jungs aus der Raucherecke ein unglaublich großer Spaß.

Es gibt nur eine Sache, dir mir Twitter manchmal unheimlich macht. Die Wichtigkeit, die es bei einigen Usern im Zusammenhang mit ihrem Selbstwertgefühl einnimmt. Das Lamentieren übers Gefavtwerden, über Unfollows, Followerzahlen, die Twitterelite (von der eigentlich keiner weiß, wer dabei ist, aber böse ist sie in jedem Fall, weil wir Normaltwitterer nie dazu gehören werden). Man sollte nie aus den Augen verlieren: Twitter macht keinen von uns prominent. Niemanden im RL interessiert, ob du 7000 Follower hast und pro Tweet 150 Sternchen. Fraglich ist auch, ob du in der Medienbranche die Knallerjobs bekommst, nur weil du so wunderbar poetische Tweets schreiben kannst.

Die Welt dreht sich auch ohne Twitter weiter. Nur eben nicht so schön.
Twitter ist nur Twitter. Und genau das ist auch gut so.

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48 Antworten zu Eine Liebeserklärung

  1. HLO sagt:

    guter text, twittere selbst seit 1 Monat, meine erfahrung
    deckt sich noch nicht mit ihrer, die kurzen statemanets,
    weisheiten, surrealistischen aphorismen lassen mich schmunzel,
    kommunikations affinität ließe sich aber noch steigern, feedback
    angst bei so manchen 2.0 kommunikationsexperten und mich nerven die
    besserwisser und die marktschreier mit ihren überflüssigen
    produkten..

  2. mynutsthoughts sagt:

    und ich habe so lange bei dem Laden nicht mitgemacht 😦
    Was ich schon alles verpasst habe.
    Leider habe ich noch keinen von Euch getroffen, aber das werde ich auch noch nachholen.
    Die unkomplizierte Hilfsbereitschaft bei Twitter ist enorm!

  3. Melly sagt:

    Das ist ein sehr schöner Text! Ich habe über Twitter zwar noch nicht solche Erfahrungen gemacht, dafür aber über Foren und facebook. Ich werde dir jetzt auf jeden Fall auch folgen 🙂

  4. VolkerMe sagt:

    Auch wenn es alle anderen sinngemäss schon gesagt haben:
    Du bringst es auf den Punkt!
    Danke für diesen Beitrag.

  5. juf sagt:

    Nicht zu vergessen: Ein Dankeschön an meinen Follower @schlenzalot, der mir spontan auf meinen Twitterhilfeschrei „Ich muss groß, welcher Follower in der Nähe Veteranenstraße lässt mich auf sein Klo?“ seine Türen öffnete.

  6. jörn sagt:

    Kann dir nur zustimmen. Und wer twitter noch nie oder falsch benutzt (hat) soll einfach mal die Fresse halten!

  7. Andreas Pohl sagt:

    Kommen wir nochmal zurück auf den ersten Absatz: Warum genau willst Du nun Deinen Twitteraccount löschen? Ich habe jetzt eigentlich mehr darüber gelesen, was Dich davon abhält — aber keine Rücknahme Deiner eingangs getroffenen Entscheidung. 😉

    Dann werde ich Dir mal schnell noch folgen, bevor’s zu spät ist…

  8. Micha sagt:

    Sehr schöner Artikel, hat mir richtig gut gefallen. Bist damit auf meiner muss-ich-öfter-mal-lesen-Liste gelandet, vielleicht probier ich sogar mal Twitter aus 😉

  9. Ketine sagt:

    hee, das hat mich berührt und mir klar gemacht, warum genau ich ein leiser twitterer bin- DANKE

  10. AMUNO sagt:

    Eine schön geschriebene Ode an Twitter und doch kann ich nicht umhin zu sagen, es gibt auch noch ein Leben neben Twitter… Facebook… WKW usw 😉

    LG

    AMUNO

  11. hungerAUFdurst sagt:

    hach, wunderschön und dabei so treffend!

    liebe grüße
    hungerAUFdurst

  12. Lenchen_Ltd sagt:

    Ich führe seit mehr als 2 Jahren eine Fernbeziehung und bin deswegen unter der Woche oft allein. Ich genieße dieses Wechseln von Spaß, Ernst und Hilfestellungen.
    Ich habe einige wenige Twitterer bereits kennen gelernt und mag viele, die ich noch nicht persönlich kenne, weil sie Niveau haben.
    Sobald ich einen Job in Karlsruhe habe, nehme ich alle meine Follower mit und werde nicht allein sein.
    Das ist für MICH Twitter.
    Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen 🙂
    LG @Lenchen_Ltd

  13. giesebrecht sagt:

    Fein auf den Punkt gebracht… Ich seh’s genauso… Aber, es ist halt wie im RL: wer die Kneipe wechseln will, weil ihm das Bier nicht mehr schmeckt oder die Leute zu langweilig geworden sind oder der Traumtyp nicht erscheinen hat wollen, der soll halt woanders einkehren…
    Ich jedenfalls mag meine Twitter-Kneipe 🙂

  14. Sven sagt:

    Hallo Liebe Victoria,

    vorweg : Sehr schön geschrieben.

    Aber was ich etwas Schade finde: Twitter ist nicht mehr das ist was es war oder werden sollte.
    Es hat sich sozusagen verselbstständigt. War es früher ein Art Mikroblog hat es sich mittlerweile zu einem IRC Ersatz ,zu einem Chat, entwickelt.
    Das was früher Chatrooms waren ist heute Twitter. Längst kann man kaum noch jemanden followen ohne alle seine abonnierten Tweets auch zu lesen. Es ist durchgängig sinnlos da jeder Tweet mit zig anderen in Zusammenhang gebracht werden muss um einen Sinn zu erkennen.
    Also würde ich sagen du solltest deine Liebeserklärung dem Internet widmen. Mit all seiner Pracht als Kommunikationsmedium über Grenzen hinweg. Es kann wie eine Kneipe sein oder es kann alles sein was man möchte und wozu einfache Kommunikation reicht.
    Aber es ist genausowenig Twitter wie ICQ oder der Internet Relay Chat. Die nächste Generation wird etwas neues benutzen , das einzige was immer gleich bleibt ist die einfache unkomplizierte und freie Kommunikation durch das Medium Internet.

    ;o)
    lg
    Sven der Twitterlose

  15. Jassi sagt:

    Wow, echt ein super Artikel!
    Besser hätte man es gar nicht beschreiben können 😉
    Ich bin nur durch Zufall auf diese Seite gekommen, aber jetzt hast du einen neuen follower 😉

  16. Vetovsvictory sagt:

    Ein klasse Beitrag 😉 ich stimme dir 100%ig zu und bin sogar etwas erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die so über unseren „Stammtisch“ denkt. Und wenn du wieder mal einen Gedanken daran verschwendest deinen Account zu löschen sag‘ Bescheid….
    Ich schwing mich in mein Twittertaxi und komm‘ vorbei, um dich mit ganz viel Öpve zur Besinnung zu bringen 😀
    ❤ ❤

  17. Frau Elise sagt:

    Hach. Haaaaaaaaaaaaach! Und nochmal: HACH.

    Ja, Twitter ist mehr als grossartig. Und das nicht nur, weil ich über Twitter @function kennengelernt habe, mit dem ich nun ein Jahr und zwei Tage zusammen bin und mit dem ich endlich, in zweieinhalb Wochen, in Köln zusammenziehen werde. Nein, es sind auch die vielen, vielen grossartigen Kontakte, die über diese Plattform zustande kamen, privat, geschäftlich und manchmal sogar beides gleichzeitig.

    Und wenn DU Dich eines Tages bei Twitter abmeldest, muss ich leider auch gehen. Denn neben dem @function bist Du mir da eine meiner liebsten <3.

  18. carnationberlin sagt:

    Am heutigen Montag erhalte und lese ich bis jetzt durchgehend gute Nachrichten, aber diese Liebeserklärung hier ist die beste und schönste. Weil es eine Liebeserklärung ist an die Menschen hitter Twitter ist. Einige meiner Kollegen haben Twitter bis heute nicht verstanden. Und ich fand bis jetzt auch nie die richtigen Worte, es zu erklären. Hier sind sie endlich! Danke! Ich gratuliere zu dieser tollen und ehrlichen Geschichte 🙂
    (bin heute via lana74 hier gelandet und schaue ab jetzt öfter hier rein)

  19. sturmhoehe25 sagt:

    Schnief! Augenwinkel auswisch…
    Und nirgendwo auf der ganzen Welt wird so schön gehacht, geLOLt und geÖPVEt, wie hier. Wo ist jetzt nochmal mein Ticket nach Hamburg?

  20. Forsch sagt:

    Wow, ok, stimmt, dann werde ich meinen Account wohl nicht löschen. Und bin gespannt, wen ich (noch) kennen lernen werde.

  21. Heartcore sagt:

    Kotzen mich die Leute auf Twitter an, mache ich (meistens) eine (sehr kurze) Pause. Das hilft mir, mich vor „Reflexlöschungen“ zu schützen und ein wenig Abstand zu gewinnen. Ich finde es lächerlich, gleich wegen einer Kleinigkeit etwas zu zerstören, egal ob sich um einen Account, ein Photoalbum oder um eine Freundschaft handelt. Alles ist eine Kleinigkeit und sollte so behandelt werden. Deswegen finde ich gut, dass du (so kommt es mir zumindest vor!) die Ruhe behältst.

    Würde man die Replies, die wir beiden uns schon geschrieben haben, aneinander reihen, entstünde ein kleines Büchlein. Bin so glücklich darüber, dass wir uns kennengelernt haben! Wie oft habe ich deinetwegen geschmunzelt, mich geschämt und geweint, wie oft habe ich deinetwegen gehacht und gelacht… oder besser gesagt mit dir. :‘)

    Du bist und bleibst meine liebste Victoria, meine Leuchtturmmutti auf hoher See. Und sollten wir uns jemals streiten: ich werde nicht vergessen, was du mir jetzt bedeutest. Ich hab‘ dich lieb und möchte dich eines Tages treffen und hoffe, du siehst das ähnlich.

    Dein A.

  22. Textzicke sagt:

    Wo kann ich diesen Artikel faven? Gnihihi. ^^

    Nee, im Ernst: Du hast ja so Recht. Nicht ohne Grund habe ich ja selbst um Weihnachten herum, auf einem Berg sitzend, eine ebenso flammende Liebeserklärung an Twitter verfasst: http://bit.ly/9np8Iq

    Und deshalb unterschreibe ich jedes Deiner Worte und bedanke mich knicksend für die freundliche Erwähnung. Wir sehen uns „dort“ und hoffentlich auch bald mal wieder im RL! 😉

  23. Oli sagt:

    Sehr schön geschrieben. Nur mir einer Sache hast Du nicht ganz Recht:

    „Twitter macht keinen von uns prominent.“

    Und was ist mit Barack Obama und Justin Bieber? Die werden mittlerweile sogar auf offener Straße erkannt… 😉

  24. lana74 sagt:

    Mein einziger Grund nach Hamburg ziehen zu würden….. denn falls Ihr Euch fragt, ob Ihr was in der Timeline verpasst habt… weil Ihr gar nicht mitbekommen habt, das WIR uns mögen.. und jetzt darauf schließt, dass wir verdammt viele DMs schreiben oder horrende Telefonrechnungen haben… sorry: Nope…. denn dran denken reicht auch!.. und das ist das Besondere! Danke mein Herz!

  25. stk sagt:

    Die rp10-Liste hat immer noch den besten Namen, den es ueberhaupt geben kann. Und entweder hat mich Twitter jetzt soweit, oder es ist dein Text, aber ich habe „es“ beim lesen gesagt. Ganz unwillkuerlich.

    Hach.

    🙂

  26. Chris sagt:

    Twitter als „Stammkneipe“ zu bezeichnen ist mir nie in den Sinn gekommen aber genial.
    Ein schöner Blogeintrag, der Dich zu einem meiner Following gemacht hat. Herzlich willkommen in meiner kleinen Kneipe. 😀

    Liebe Grüße!
    Chris (thulhu)

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