Shitstorm

Manchmal hasse ich das Internet.
Diese Ansammlung aus Banalität, Dummheit, schlechten Fotos, hässlichen Menschen, Rechtschreibfehlern, furchtbarer Musik, langweiligen Themen und Leuten, die ihre kleinen, öden Leben zwanghaft anderen Menschen mitteilen wollen.

Na? Wie hat sich das angefühlt? Hat euer Widerspruchsgeist sich gerade geregt?
“Die doofe Kuh! Selber langweilig, hässlich, schlecht gekleidet, ödes Leben!”
Tja. Genauso funktioniert das Internet in Bezug auf Konflikte jeglicher Art, von Cybermobbing bis Shitstorm.

Menschen schreiben etwas. Vielleicht haben sie nicht einmal wirklich darüber nachgedacht. Vielleicht war es nur ein kurzer emotionaler Gedankenblitz, der unglaublich dringend ausgesprochen werden musste, damit man ihn los ist. Kennt ihr selber, nehme ich mal an. Und das Internet ist so leicht dafür zu haben: ein schneller Tweet, ein Facebook-Post, ein klitzekleiner Blogartikel. Zack. Raus ist es.
Nur leider geht das Antworten darauf genauso schnell.
Im ‘wahren Leben’ würde wohl jeder erstmal überlegen, ob es ihm wirklich wichtig ist, sich zu einem Thema zu äußern. Und gar nicht so selten feststellen: “Ach. Eigentlich interessiert mich das gar nicht”, “Eigentlich kenne ich mich damit gar nicht aus”. Ein Comment hingegen schreibt sich quasi von allein. Und da er so schnell geschrieben ist, man sich selten einen zweiten Gedanken zum Thema gemacht hat, fällt er oft spitzer, kritischer oder inhaltsleerer aus, als man ihn im Real Life jemals ausgesprochen hätte.

Als Beispiel möchte ich hier den Skater-Shitstorm anführen, der letzte Woche für Furore sorgte.
Eine Frauenzeitschrift (deren Namen man nicht gerade mit großen Zeitgeistströmungen und Trends in Verbindung bringt, sondern eher mit ihrer gleichnamigen Diät und Strickanleitungen) veröffentlichte online einen Artikel, in dem – kurz gesagt – die Autorin Männern über 25 Jahren das Recht absprach, Skateboard zu fahren, ohne sich lächerlich zu machen.
Es war kein großer, wichtiger Text, eher ein wenig hingerotzt und vielleicht auch etwas unglücklich und selbstbewusst formuliert.
Es passierte jedenfalls genau das, was ich oben versucht habe, zu beschreiben. Es regte sich Widerspruchsgeist auf ganzer Linie. Es hagelte kritische Kommentare. Teilweise extrem unter der Gürtellinie, inklusive Morddrohungen und Verwünschungen jeglicher Art.
Interessant dabei: Welchen erwachsenen Skater interessiert es eigentlich wirklich, was eine eher konservative Frauenzeitschrift ihm zu sagen hat? Wenn ich mich jetzt vor einen von ihnen stellen würde und ihm ins Gesicht sage: “Ey, du bist zu alt zum Skaten. Verschenk dein Board an den kleinen Jungen da hinten in der Sandkiste”, würde ich doch vermutlich schallendes Gelächter ernten und das war’s. Ich bezweifle, dass mir ins Gesicht gesagt werden würde: “Verpiss dich, du Bitch. Du sollst verrecken, du Sau!”.

Was ich sagen will: Vielleicht sollte sich jeder, JEDER – auch AutorInnen – ein bisschen mehr Gedanken darüber machen, was er wie schreibt. Hinterfragen, ob er wirklich hinter dem steht, was er gerade von sich gibt. Ob es Sinn macht oder man es sich besser verkneifen sollte. (Ich spüre, wie ihr jetzt denkt: “Selber. Die soll doch mal lesen, was sie für Geblubber schreibt …”)

Es geht hier nicht um Selbstzensur. Was raus muss, muss raus. Aber wer kontrovers schreibt, darf sich eben auch nicht über kontroverse Diskussionen wundern. Wäre schön, wenn diese dann sachlich geführt werden könnten.
Toleranz, Menschlichkeit und ein angemessener Umgangston sind drei Dinge, die ich oft im Internet vermisse. Und ich rede hier von uns ‘ganz normalen Menschen’, nicht von ‘Trollen’.

Eins noch generell zum Thema Toleranz: Wir leben in einer Zeit, die schon schwierig genug ist. Wäre es da nicht wunderbar, wenn wir wenigstens andere Leute so sein lassen könnten, wie sie sind? Wenn uns egal wäre, ob Menschen mit über 25 skaten, sich mit 70 noch schminken, trotz 95 Kilo gerne Paillettenschlauchkleider tragen, mit Sprachfehler Reden halten, schwul sind, große Nasen haben, FDP wählen, Ballerspiele spielen, an Gott glauben, Eichhörnchentattoos haben, komische Mützen tragen, Modern Talking verehren, ‘Titanic’ für den besten Film aller Zeiten halten, Greenpeace unterstützen … Ach, ich könnte die Liste endlos fortführen. Ich mag nämlich Menschen. Fast alle. So lange sie sich wie Menschen benehmen.

20 Antworten zu Shitstorm

  1. Ratte sagt:

    Ja, das Internet, eine ewige Hassliebe…
    Ich bin auch immer wieder fasziniert von Menschen, die keine 2 Sekunden über einen Kommentar nachzudenken scheinen.
    Ich habe mal ein Interview mit einer Persönlichkeit (ich habe leider keine Ahnung mehr, wer das war…) gesehen, in dem er meinte, er würde seine Söhne bis zu einem bestimmten Alter keine sozialen Medien alleine nutzen lassen, da dort die direkte Reaktion des Gesprächspartners fehlt, die man im persönlichen Gespräch im Gesicht ablesen könnte. Und er könnte sich nicht vorstellen, dass Online-Gespräche ohne die entsprechende Mimik bei Kindern, die gerade in ihrer Entwicklung sind, zur Sozialkompetenz beitragen.
    Ich glaube, dass genau das viele User dazu verleitet, Andere ungehemmt zu beleidigen. Es fehlt die geschockte, beleidigte, wütende Mimik, die im persönlichen Gespräch eventuell auf unsere Empathie wirken würde.

    P.S: Ich glaube, ich will ein Eichhörnchentattoo…

  2. Bianka sagt:

    Du hast eine unheimlich tolle Art zu schreiben
    es macht richtig Spaß deine Texte zu lesen und auch mal darüber nachzudenken :D
    liebe Grüße

  3. Zwei Dinge sind unendlich,das Universum und die menschliche Dummheit,aber
    bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
    Albert Einstein

  4. Wortman sagt:

    Diese Großmäuler sind im realen Leben eher die typischen Eckensteher und Duckmäuser. Im Internet, in dem geglaubten Freiraum der Anonymität, fällt es leicht, den harten Kerl, die wilde Hilde zu spielen. Man wird nicht gesehen/gehört – nur gelesen. Das Schlimme ist, dass Angesprochene auf solche Angriffe in Postings reagieren, sich aufregen und sich tiefer in solch eine Spirale hinein ziehen lassen, anstatt einfach das innere IGNORE einzuschalten. Solche Leute amüsieren sich doch nur, wenn man auf ihre Angriffe reagiert und sich aufregt.

    Leider sind oftmals diese “Ankläger” wenig kritikfähig bzw. teilen gerne aus und können nix einstecken. Davon kenne ich genug im realen Leben.

    Zurück zum Thema: Sieht vielleicht witzig aus, wenn ein 50jähriger mit Skateboard unterwegs ist, aber wenn es ihm Spaß macht… soll er doch :).

  5. Heinz sagt:

    “Im ‘wahren Leben’ würde wohl jeder erstmal überlegen, ob es ihm wirklich wichtig ist, sich zu einem Thema zu äußern.”

    Das machen viele (ich z.B. – meistens) auch im Internet, nur dass man die nicht geschriebenen Kommentare natürlich auch nicht liest.

    ““Verpiss dich, du Bitch. Du sollst verrecken, du Sau!””
    “Wenn du mir begegnest schlag ich dir sie Zähne und noch was ganz anderes [keine Ahnung was er mit “ganz anderes” meinte] aus”
    schrieb mal jemand zu mir – sogar unter Angabe seines echten Namens – Als ich ihn fragte, wie ernst er das meint und ob ich mich vorbereiten solle kamen von Ihm nur Ausflüchte von wegen er habe das “natürlich” nicht so gemeint usw.

    Also solche Sprüche am besten nicht weiter ernst nehmen, genau so wie man ja auch im RL nicht alles Gesagte ernst nehmen darf.

    “Aber wer kontrovers schreibt, darf sich eben auch nicht über kontroverse Diskussionen wundern.”
    Das ist nämlich auch ein häufiges Problem, viele, vor allem kleine Blogger (Anwesende ausgeschlossen) erwarten ernsthaft, dass deren Leser/Kommentatoren ihnen nur nach dem Mund reden.

  6. lili sagt:

    Gestern sagte jemand als Zitat eines 80jährigen Mannes zu mir “Ich bin enttäuscht vom Internet.”

  7. Mole_cul sagt:

    Einverstanden mit dem letzten Absatz….. bis auf FDP-Wähler. Da setzt es bei mir aus. :-)

  8. Kathi sagt:

    Vielen Dank für deinen Post! Ich selbst habe gestern erst wieder so etwas erlebt. Man tauscht sich zunächst ganz harmlos in einem Forum über etwas belangloses aus und ich nenne SACHLICH meine Meinung (ohne jemanden persönlich zu addressieren oder anzugreifen).
    Auf einmal kommt jemand daher, macht mich runter (Schalt mal dein Hirn ein!) und wird von zwei, drei anderen auch noch unterstützt. Ich war echt baff und habe mich nur gefragt, ob diese Person mich auf der Straße genauso angemacht hätte, wenn nicht das liebe anonyme Internet wäre.

    Ich finde deinen Blog übrigens ganz toll!!! :-)

    LG, Kathi

    • Crissi sagt:

      Liebe Kathi,

      mir ist es schon genauso ergangen wie dir. Ich bin leidenschaftliche Strickerin und verfolge einige Blogs mit sehr großem Interesse. Nun habe ich mir mal eine angebrachte Kritik erlaubt und …..nicht die Blogerin selbst, sondern einige ihrer Blogverfolgerinnen bzw. vermeintliche “Strickfreundinnen”, die grundsätzlich alles was sie so fabriziert toll finden und ihr an den Lippen hängen, fielen über mich mit Schuhen und Strümpfen her. Als ich mich zu dieser Schimpftirade gegen mich nicht äußerte, kam die Bloginhaberin selbst ins Spiel, wurde, obwohl sie mich überhaupt nicht kennt, ziemlich persönlich und versuchte mich praktisch damit zu provozieren. Ich war genauso baff wie du :-), vorallem über soviel Ergeiz und Energie, sich über meine persönliche Meinung so aufzuregen. Heute verfolge ich zwar immer noch diesen Strickblog, allerdings äußere ich mich zu nichts mehr, sondern grins mir einen und sage mir, “leben und leben lassen”! Am meisten amüsiert mich jedoch, wie diese Person nach Anerkennung über das Internet bettelt und wie glücklich sie doch über ihre vielen “anonymen” Bewunderinnen, ist. Eigentlich sind das doch ganz ganz arme Seelen….oder?

      LG Crissi

      • Marie sagt:

        Ich kenn auch so einen blog da gehts nicht ums stricken sondern das wort ist aehnlich faengt mit f an. Diese dame sucht auch nur nach bestaetigung , hat angeblich offene beziehungen, verschiedene kerle, schreibt alles bis ins detail, kritik darfst du keine ueben, man soll beifall klatschen und wenn nicht wird
        sie boesartig. Hab ich erlebt

  9. Antje sagt:

    Mir geht es eigentlich immer anders rum – im realen Leben haut mir öfter mal ein unbedachter Satz raus ;)
    Deshalb gefällt mir das Netz so – ich kann hier schreiben – es mir noch mal durchlesen – wirken lassen – umschreiben – verbessern und dann erst abschicken :D

    • sunas sagt:

      Auch ich formuliere um, geniesse es meine Worte überdenken zu können und trotzdem gibt es manchmal merkwürdige Reaktionen. Witzigerweise sind es oft die Komentatoren, die sich angegriffen fühlen.

  10. Love it! Dein Text widerspiegelt genau meine Einstellung zum Internet und Social Networking/Blogging – Rechtschreibfehler, Gedankenlosigkeit, … Großartig beschrieben! Vielen Dank!

  11. Tell me! sagt:

    Der letzte Absatz ist großartig. Und ich finde mich drin wieder und mag mich ja auch. Wäre schön, wenn man Vorurteilen mit Neugier begegnen würde statt mit Aburteilen.

  12. spyri sagt:

    Ein weiterer, oben nicht erwähnter Maßstab neben Dahinter Stehen und Macht Sinn könnte/sollte sein, ob das Geschriebene einen Mehrwert liefert. Tut es das nicht verstopft es doch eigentlich nur die Leitung. Und verleidet so manche potenzielle Debatte.

  13. Flex Kavana sagt:

    Sehr guter Kommentar.
    Ich denke genau so und Sie haben damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

  14. Ich denke, es sind eben keine “richtigen” Menschen, die derart häßliche Kommentare hinterlassen. Fast immer sind es Fakes mit Namen und Mailadressen, die nicht (einfach) nachzuverfolgen sind.
    Offenbar gibt es eine Menge Gestörte, die ein Erlebnis in der Anonymität finden.
    Internetaktive Menschen sind sowieso meist gestört. Da gibt es die guten, solche wie mich – und es gibt die schlechten, solche, die ihre “Kritik” häßlich artikulieren aus dem Schutze der Anonymität. Und genau da packt man diese Menschen an den Eiern: Es sind feige Großmäuler, die bei Mutti den Keks vom Fußboden essen, aber mit Fantasienamen im Netz herumspuken und ihre “Meinung” ausbreiten, die gar keine ist, sondern nur Verzweiflungstaten unbedeutender Kleingeister… ;)

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