Die falsche Sicherheit

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es viele Singles. Einige möchten bewusst keine Partnerschaft eingehen, andere sind unfreiwillig allein.
Die meisten von ihnen haben Accounts bei TINDER und LOVOO. Obwohl keine/r ernsthaft davon ausgeht, dort einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben zu finden, so genießen doch alle den kleinen Ego-Push, wenn sie attraktiv gefunden werden und einen „Match“ – eine Art „Like“ – erhalten. Diese „Matches“ werden ausschließlich an Personen vergeben, die man auf dem Profil-Foto optisch ansprechend findet und mit denen man darum in Kontakt treten möchte.

Während meine Freundinnen kopfschüttelnd-lachend davon erzählen, dass sich ihre Flirts nach kurzer Zeit fast immer als gebundene Männer auf der Suche nach einem One Night Stand entpuppen, wird es richtig seltsam, wenn meine männlichen Freunde von ihren Erlebnissen mit TINDER und LOVOO erzählen.
Von TINDER-Frauen ist die Rede, die nach kürzester Zeit um Geld bitten. Oder von „massenhaft Fake-Frauen“ bei LOVOO, die Matches austeilen, deren Accounts man aber erst ansehen darf, wenn man dafür zahlt oder kostenpflichtiges VIP-Mitglied wird. Hat man dann Geld investiert, kann man sie leider trotzdem nicht anschreiben, weil ihre Mailboxen angeblich zu voll sind …

Immerhin, da sind sich alle einig, ist es lobenswert, dass zumindest LOVOO die Möglichkeit bietet, sich als User verifizieren zu lassen. Dafür durchlaufen die Nutzer ein spezielles Prüfverfahren. Bestehen sie dieses, erhalten sie eine offizielle „Echtheits“-Bestätigung: Ihr Account wird mit einem kleinen, blauen Symbol versehen.
Wenn man sich nun also nur mit verifizierten Usern befasst, dürfte man doch auf der sicheren Seite sein und der Flirtspaß risikolos ablaufen, oder?

Ich beschloss, der Sache nachzugehen und ganz praxisnah zu recherchieren.
Dafür erstellte ich zwei männliche Fake-Accounts, einen bei TINDER und einen bei LOVOO. Für diese Accounts stellte mir Ragnar, ein Freund und toller Mensch, seine Fotos zur Verfügung.
Beide Accounts waren absolut identisch. Der Nutzername lautete „Gaston“, sie enthielten nur rudimentäre persönliche Angaben und jeweils nur ein Bild, nämlich einen Ausschnitt aus diesem Foto von Ragnar:

Gaston Profilbild

Während „Gaston“ bei TINDER absolut ignoriert wurde, kam er bei LOVOO ausgesprochen gut an und erhielt innerhalb von anderthalb Tagen immerhin 25 Matches. Blöd nur, dass er als echter User die Accounts der an ihm interessierten Frauen erst hätte ansehen können, wenn er dafür zahlte. Kostenlos präsentierte ihm die App nur das unscharfe Profilbild der Userinnen:

Matches

Ich möchte an dieser Stelle nicht spekulieren, sondern verweise auf den lesenswerten Artikel „Dating-Plattform LOVOO im Fake-Verdacht„, der zu diesem Thema am 18. September 2015 im c’t magazin erschien.

Wie gut, dass es wenigstens die verifizierten Nutzer und Nutzerinnen gibt.
Doch wie läuft so ein Verifizierungsprozess eigentlich ab?
Ich übte praxisnah und klickte auf das kleine Symbol im „Gaston“-Account, mit dem ich das Prozedere in Gang setzen konnte. Postwendend wurde mir ein Zahlencode geschickt, den ich zusammen mit dem Nutzernamen auf einen Zettel schreiben musste. Danach sollte „Gaston“ mit der Handy-Kamera ein Foto von sich mit dem Zettel in der Hand aufnehmen. LOVOO würde ihn dann mit dem „Gaston“ auf seinem Profilbild vergleichen. Waren beide Menschen identisch, konnte davon ausgegangen werden, dass es sich um einen echten, selbst agierenden User handelte.

Nun gut. Ich suchte eines von Ragnars Fotos heraus, das sich dafür einigermaßen eignete:

Gaston Original

Dann beschriftete ich einen Zettel:

Zettel

Nun öffnete ich Photoshop, stellte den Zettel frei, kopierte ihn und klatschte ihn lieblos auf Ragnars Foto. Ich gebe zu, dass ich professionell mit dem Programm umgehen kann. Allerdings gab ich mir für dieses Bild keinerlei Mühe. Eine kleine Farbkorrektur des Zettels und ein wenig Unschärfe – das war alles.
Da ich das Foto nicht hochladen konnte, sondern direkt mit der Handy-Kamera aufnehmen sollte, fotografierte ich kurzerhand die Fotomontage direkt vom Monitor meines MacBooks ab. Das Ergebnis sah OK aus und ich schickte es los:

Gaston Zettel

Innerhalb kürzester Zeit erreichte mich die frohe Botschaft von LOVOO:

Lovoo Mail

„Gaston“ war nun also verifiziert und damit offiziell „echt“:

Gastons Account

Während ich mir schon vor diesem Test sicher gewesen war, dass es garantiert Möglichkeiten gab, sich als Fake eine Verifizierung zu erschleichen, erschreckte mich doch, WIE einfach es ging!
Ich finde es verwerflich, dass die Plattformen ihre User mit Verifizierungen in falscher Sicherheit wiegen. Einer Sicherheit, die es nicht gibt.

Anmerkung:
1. In der Hoffnung, LOVOO würde den Fehler bemerken und den Account nachträglich sperren, wartete ich noch 24 Stunden. Als das nicht geschah, löschte ich selbst beide Accounts.
2. Natürlich fand mit keinem der Fake-Accounts irgendeine Interaktion mit anderen Usern statt.

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