Ein Hilferuf

Liebe Netzgemeinschaft,

heute tue ich etwas, das ich noch nie gemacht habe. Ich bitte für mein Projekt realfakes.net um Eure Hilfe. Angenehm ist mir das nicht. Ich schäme mich tatsächlich ein bisschen und hätte mein Anliegen gern noch weiter vor mir hergeschoben. Das geht aber nicht, denn es wird von Tag zu Tag dringender.

Seit Ende 2013 berate ich Betroffene von „Realfakes“. Dieser Fake-Type unterscheidet sich von anderen durch den extremen Aufwand, den er betreibt, um sich eine perfektionierte falsche Identität zuzulegen. Um glaubwürdig zu erscheinen, erstellen Realfakes z. B. ganze Netzwerke von Fake-Accounts. Das reicht von fiktiven Familienangehörigen und Freunden bis hin zu angeblichen Arbeitskollegen oder ehemaligen Mitschülern. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschleichen Realfakes sich das Vertrauen anderer Menschen, bauen langsam enge emotionale Bindungen zu ihnen auf und manipulieren sie auf vielerlei Weise. Realfakes haben niemals finanzielle Motive. Sie wollen kein Geld, sie wollen Gefühle – und häufig genießen sie die Macht, die sie über die andere Person haben.

2011/12 hatte ich selbst ein einschneidendes Erlebnis mit einem solchen Fake.
Ich bloggte darüber und bat die Leser, mit mir Kontakt aufzunehmen, falls ihnen ähnliches widerfahren war.

Was sich aus diesem Aufruf ergab, war nicht absehbar. Bis heute kontaktieren mich betroffene Männer und Frauen jedes Alters und jeder Bildungsschicht, bitten um Rat oder schütten mir ihr Herz aus. Anfangs bekam ich durchschnittlich alle zwei bis drei Tage eine Mail, in der mir von einem neuen Realfake-Fall berichtet wurde. Seit Erscheinen meines Buches, Mitte Oktober 2015, stieg diese Zahl aber rapide an. Mittlerweile sind es ein bis zwei Zuschriften pro Tag!

Viele Betroffene befinden sich zum Zeitpunkt des Schreibens in einer “Beziehung” mit einer Person aus dem Internet, die sie noch nie gesehen haben. Bei anderen liegt das Erlebte schon einige Zeit zurück, sie können damit aber nicht abschließen. Zunehmend kontaktieren mich auch fakende Menschen, die nicht wissen, wie sie aus der scheinbar ausweglosen Situation herausfinden sollen.

Was mich besonders erschüttert – die meisten haben noch nie zuvor mit jemandem darüber gesprochen, was ihnen widerfahren ist. Aus Angst vor Spott, Belehrungen, Unverständnis – und einer tiefgreifenden Scham. Denn die natürliche Reaktion darauf, dass jemand auf einen Fake hereingefallen ist, scheint immer zu sein: “Du hättest doch etwas merken müssen!” Oder: “War doch klar! Der Typ auf den Fotos sah doch viel zu gut für dich aus!” Oder: „Da gehören ja immer zwei zu …”.

Häufig wird den Betroffenen auch gleich die Alleinschuld am Geschehen gegeben. Ihnen wird vorgeworfen, sie wären emotional bedürftig, süchtig nach Selbstbestätigung, denn sonst „hättest du es ja nicht nötig, dich auf Social-Media-Plattformen zu bewegen“. Oder man unterstellt ihnen, sie hätten kein Real Life, keine Freunde, kein Selbstwertgefühl.

Genau diese gesellschaftlichen Vorurteile sind es, die verhindern, dass die Betroffenen sich an die Telefonseelsorge oder andere offizielle Hilfsangebote wenden. Zu groß ist die Angst, dort auf Unverständnis zu stoßen.
Wer mir schreibt, weiß, dass er sich nicht rechtfertigen muss, sodass die Hemmschwelle erfreulicherweise viel niedriger ist.

Mir wird immer wieder bestätigt, dass realfakes.net die einzige Anlaufstelle für Fake-Opfer im deutschsprachigen Raum ist. Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst. Grundsätzlich versuche ich, jedem/jeder einzelnen mit Mails oder Gesprächen zur Seite zu stehen, und mein Angebot wird mir großer Dankbarkeit angenommen. Manche der Fälle benötigen sehr viel Zeitaufwand, manchmal hilft schon ein kurzer Mailwechsel oder ein Telefonat. Einigen hat das Erlebte dermaßen den Boden unter den Füßen weggerissen, dass tiefgreifende psychische Probleme zurückblieben. Mir wird von Selbstmordgedanken, Depressionen, absolutem Vertrauensverlust und Angstzuständen berichtet. In diesen Fällen ermutige ich die Betroffenen dazu, ihre Scham zu überwinden und sich umgehend einem Psychologen/einer Psychologin anzuvertrauen.

Da ich die Beratung allein, nebenberuflich und unentgeltlich ausübe, bin ich nun an einem Punkt angelangt, an dem durch die Vielzahl der Zuschriften meine Freizeit einfach nicht mehr ausreicht. Dadurch warten manche Betroffene trotz großen Leidensdrucks wochen- bis sogar monatelang auf eine Antwort von mir. Das ist, denke ich, nicht tragbar.

Ich würde mein Angebot gern zeitmäßig ausweiten, vielleicht auch eine regelmäßige Telefonsprechstunde einrichten.
Das Problem: Ich bin selbstständig und kann es mir leider nicht leisten.

Damit ich den Hilfesuchenden trotzdem gerecht werden kann, ist realfakes.net dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Schon der kleinste Betrag hilft!  ❤

IBAN: DE90 4306 0967 2061 8764 00
BIC: GENODEM1GLS
GLS-Bank
Kontoinhaberin: Victoria Schwartz

Paypal: paypal.me/VictoriaSchwartz

(Wichtig: Da es sich um ein privates Projekt handelt, kann ich zur Zeit leider keine Spendenquittungen ausstellen. Sofern gewünscht – dann bitte auf der Überweisung angeben –, erwähne ich aber gern am Monatsende jeden Unterstützer/jede Unterstützerin namentlich hier und bedanke mich auf diese Weise.)

Ich weiß, viele empfinden das Thema „Fakes“ als nicht relevant. Manchmal werde ich gefragt, wieso ich damit nicht einfach abschließe. Die Antwort ist ganz einfach: Ich kann nicht, denn es ist ein wenig so, als hätte das Thema mich gesucht und gefunden. Selbst wenn ich wollte, könnte ich guten Gewissens niemals sagen: „Fakes? Och, nee. Langt jetzt auch.“ Denn da draußen sind viele, viele Menschen, die meine Hilfe erbitten.

Ich werde Tag für Tag mit dem Leid der Betroffenen konfrontiert und weiß, wie leicht es häufig ist, ihnen Hoffnung, neuen Lebensmut und Aufwind zu geben. Oder ihre Psyche zu entlasten, indem ich ihnen die Schuldgefühle nehme. Die Vorstellung, keine Anlaufstelle mehr bieten zu können, wäre sehr hart für mich.

Viele liebe Grüße,
Victoria

P.S. Viele Menschen denken, bei Realfake-Opfern handele es sich um ältere, einsame Damen, die keine Ahnung vom Internet hätten. Tatsächlich ist die Hauptgruppe der Betroffenen 20 bis 30 Jahre alt, mehr als 30 Prozent der Opfer sind männlich, Tendenz steigend. Natürlich sind alle mit dem Internet vertraut und betrachten es als ganz normalen Bestandteil ihres Lebens.

Anmerkung: Aus juristischen Gründen wurde der Text am 11. April 2016 überarbeitet.

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